Ganz ohne Verklärung

 

Thomas Schulte schrieb die heiteren Kurzgeschichten „Auf der Terrasse“

 

Es gibt sie nach wie vor diese skurrilen Typen, die einem tagtäglich begegnen, im Kollegen- oder Freundeskreis, aber überdies auch in der Verwandtschaft. Der Autor Thomas Schulte hat, überaus feinfühlig, Erinnerungen zu Papier gebracht, mit denen sich der Leser identifiziert, ohne jemanden zu glorifizieren oder wegen irgendwelcher Schrullen ins Abseits zu stellen.

 

Beim Lesen der acht Kurzgeschichten werden sofort Kindheitserlebnisse wach. Einen leicht kauzigen Großvater, eine ständig bedachte Oma oder manchmal einen etwas grotesken Mitschüler oder später Kommilitonen kann wohl jeder in seiner Biografie vorweisen. Oft bleiben diese Menschen jahrelang im Hintergrund, sind aber immer im Herzen. Das Erleben dieses Buches bringt einem mehr ein Déjà-vu. Besonders die Geschichte „Willi“ ist überaus humorig und spannend. Eine nachmittägliche Kaffee-Gesellschaft wartet auf den Großvater, der kurz die Runde verlässt und aus einem kuriosen Grund verspätet zurückkommt. In allen Erzählungen beschreibt Schulte, neben den Personen, sehr treffend und präzise die Atmosphäre, achtet auf Gerüche (Zitat: „es roch im Treppenhaus immer nach Eierlikör“), geht sehr ins Detail, ohne den Effekt, dass, wie bei Thomas Mann oft dadurch seitenweise gar nichts passiert. „Grauer Burgunder“ unterscheidet sich etwas von den anderen sieben Geschichten. Ohne den Inhalt, der auf Kosten der Spannung geht, zu erzählen, scheint dieses Kapitel dem Leser nachhaltig in Erinnerung geblieben zu sein, da er immer wieder nach dem Verbleib eines Gegenstandes fragt, der hier nicht verraten wird.

 

Selbst dem Literaturkritiker Hellmut Karasek gefielen die Erinnerungen von Thomas Schulte, was das Buch fast adelt. Ich bezeichne die Geschichten als Novellen, da es wirkliche Erzählungen sind, die einzelne Ereignisse beschreiben und deren geradliniger Handlungsablauf zum Ziel führt.

 

Hans-Peter Schmidt-Treptow

 

Erschienen: Engelsdorfer Verlag ISBN 978-3-96008-920-9 EUR 9,90

 

Weiterhin erschienen:

"Zwei Winter" - Erzählung

Inhalt:

Sie waren alle erst seit acht Wochen Soldat, waren durch den Oktober und November gekrochen und gelaufen, hatten gelernt, das Gewehr mit verbundenen Augen auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Es war die letzte Novembernacht vor dem 1. Advent und niemand hatte verstanden, warum gerade sie die Standortwache übernehmen mussten.Gropius leistet in den 60er-Jahren seinen Wehrdienst ab. Er passt nicht ins Bild, das man sich von Soldaten macht, ist kein stumpfer Befehlsempfänger, der nichts hinterfragt. Ihm kommt es nicht in den Sinn, seine Zeit einfach abzureißen oder sogar zu verlängern, um einige Jahre gut versorgt zu sein und dabei eine ruhige Kugel zu schieben. In Gesprächen mit den Kameraden, bei Gefechtslärm im Manöver, bei der Verkostung des Erdbeerkompotts der Frau des Unteroffiziers betrachtet er sich und die Welt und zieht seine persönlichen Schlüsse. Die Reflektionen, Situationsschilderungen und Dialoge übermitteln subtile Eindrücke aus dem militärischen Leben. Manche der aufgeworfenen Fragen reichen in die Jetztzeit hinein und berühren die Diskussion um die Abschaffung der Wehrpflicht.

Erschienen: Edition Fischer ISBN 978-3-86455-999-0 EUR 9,90

 

Autor

Thomas Schulte, 1946 in Einbeck geboren, begann sein Studium in Göttingen. Nach seinem Wehrdienst studierte er in Braunschweig Deutsch und Kunst für den Schuldienst sowie Philosophie und Kunstgeschichte. Mehr als 17 Jahre war er Realschulrektor in Einbeck. Der Autor ist verheiratet und hat eine Tochter.

Quelle: Einbecker Morgenpost

 


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